X-Touch Mini – Das Do-it-yourself Loupedeck


Ich beobachte seit einiger Zeit das ehemalige Kickstarter-Projekt Loupedeck. Eine Hardware-Schaltzentrale für Lightroom zu haben, kann seine Vorteile haben, wenn man das virtuelle Regler-Schubsen für unzählige Bilder satt hat.

Allerdings habe ich in der Zeit, in der Loupedeck auf dem Markt ist, noch keinen überzeugenden Testbericht gelesen. Und überzeugend sollte die Hardware sein, wenn sie ein 250 Euro-Loch ins Konto brennt. Auch der neueste Testbericht vom Lightroom-Experten um die Ecke macht da keinen Unterschied. Meist wird die für den Preis unangemessene Verarbeitung und fehlende Modifizierbarkeit kritisiert.

Im Netz stolpert man irgendwann auch über Alternativen, meist in Form von MIDI-Controllern. Bei einem Preis von ca. 70 Euro kann man beim X-Touch Mini Controller von Behringer nicht viel falsch machen. Ich habe das Gerät seit etwa drei Monaten und in der Testphase habe ich Tastenbelegungen geändert und meiner Arbeitsweise angepasst. Jetzt, da ich zufrieden bin, soll hier ein Erfahrungsbericht folgen, der gleichzeitig die Einrichtung der Hardware beschreibt. Den ein bisschen Zeit muss man schon investieren für das DIY-Loupedeck.

 

Die Hardware

Nach dem Auspacken findet man einen ca. 30 cm langen und 10 cm tiefen Controller und ein USB Verbindungskabel. Das kann man direkt so an den Rechner anschließen. Am besten ohne einen USB-Hub davor zu schalten, denn das sorgt nur für unangenehme Lacks. Man hat jetzt einen äußerst kompakten und robusten kleinen Controller vor sich, ausgestattet mit 8 Drehreglern und 16 Tasten, die über zwei Layer-Tasten doppelt belegt werden können. Ein Fader ist auch dabei. Der stellt sich für Lightroom aber als unbrauchbar heraus. Die Regler laufen unendlich, machen einen wirklich guten Eindruck und zeigen zudem mit kleinen rundlaufenden LEDs die relative Einstellung an. Auch die Tasten reagieren gut und schnell, vermitteln aber durch die Gummierung erstmal einen schwammigeren Eindruck machen, als bei einer PC-Tastatur.

Die Software

Der X-Touch mini ist zunächst einmal ein Controller für eine DAW Software, also eine Digital Audio Workstation. Was ihn zum Lightroom Controller macht, ist ein frei erhältliches Plugin für Lightroom. MIDI2LR ist auf Github erhältlich, einem Online-Dienst für Software-Entwicklungsprojekte. Die neueste Version lädt man für Mac oder Windows herunter und installiert diese. Nach Aktivierung des Tools im Plugin-Manager von Lightroom startet MIDI2LR automatisch mit und über die Einstellung, lässt sich bestimmen, dass das Plugin-Fenster in die Taskleiste minimiert wird. Aber halt, jetzt beginnt die Arbeit: Jeder Drehregler, jede Taste, die man jetzt auf dem X-Touch betätigt, wird in diesem Fenster gelistet. Rechts daneben erscheint der Lightroom-Befehl, der jetzt noch mit „Unmapped“ bezeichnet sein dürfte. Über einen Klick auf diesen Button springt man in ein Menü, in dem unzählige Lightroom-Befehle zur Verfügung stehen. Einen davon wählt man aus und belegt so die Taste mit dem Befehl. Diese Belegungen werden als Profil über den Button „Save“ gespeichert.

Wer sich für den Anfang einfach die Belichtung und den Kontrast auf einen Drehregler speichert, kann sehr schnell den Segen erfahren, den das X-Touch mini für Lightroom-Anwender bedeuten kann. Mit den wichtigsten Tonwert-Korrekturen auf den ersten 8 Reglern ist es ein haptisches Vergnügen, ein Foto auf die Schnelle zu korrigieren. Tatsächlich sind es diese Potentiometer, die am meisten Nutzen haben, auch für diejenigen, die sämtliche Tastenkürzel von Lightroom im Kopf haben. Sie ersparen schlichtweg die Suche und das präzise Anklicken mit der Maus in der rechten Entwicklungs-Leiste. Außerdem sorgt jede Tasten/Regler-Aktion, die entwicklungsspezifisch ist, auch dafür, dass man im Entwicklungsmodul landet und zwar exakt an der Stelle in der Entwicklungs-Leiste, die modifiziert wird. Außerdem wird die Aktion und die damit verbundenen Werte kurzzeitig in einem Overlay angezeigt. Richtig schick wird es durch die Regler-LEDs, die die eingestellten relativen Werte als Lichtkranz anzeigen. Auch, wenn das Foto bereits bearbeitet wurde, und man es später wieder anwählt, werden die vorher gemachten Einstellungen am Potentiometer angezeigt. Auf einen Blick sieht man also, dass man die z.B. die Lichter in dem Foto tief in den Negativ-Bereich gezogen hat.

Ein kurzer Blick rüber zum Loupedeck zeigt die Drehregler in Gruppen großzügig über die Oberfläche verteilt. Meines Erachtens ist das ergonomischer Käse. Beim X-Touch liegen die Regler direkt nebeneinander und so bietet es sich an, die Regler nach der Anordnung der Tonwert-Korrekturen in der Entwicklungs-Leiste zu belegen. Also von Belichtung über Lichter und Schatten bis runter zur Klarheit oder Dynamik. Mit dieser Belegung auf Layer A brauche ich nicht mehr auf das X-Touch zu schauen und kann mich voll auf das Foto konzentrieren. Meine Finger tasten sich über die Regler und ich weiß mit etwas Übung immer intuitiv, wo ich bin.

Presets für den Anfang

Wer ein bisschen herumgespielt hat und nun ernsthaft werden will, dem empfehle ich folgendes:

Suche online nach einem Preset-Profil von einem erfahrenen Anwender, lade das in MIDI2LR und stelle fest, ob das nicht schon einer brauchbaren und ergonomischen Tastenbelegung entspricht. Nutze das Preset für ein paar Wochen in deinem Workflow und modifiziere dann die Belegungen, die für dich Sinn machen.

Ich habe dafür Brian Lovelace ausfindig gemacht, ein Hochzeitsfotograf aus Los Angeles. Er hat mehrere ausführliche Videos zur X-Touch-Konfiguration online gestellt. Brian benutzt sogar zwei X-Touch (auch das ist möglich), um genug Platz für seine Lightroom-Presets zu haben. Das Video unten enthält praktisch alles, was man wissen muss, inklusive Verlinkungen auf seine Presets (im Kommentarfeld).

Brian Lovelace hat eine sehr durchdachte Tastenbelegung gefunden. Unter anderem nutzt er ein tolles Feature von MIDI2LR, um die Kontrollmöglichkeiten von zwei (Layers) mal 8 Potentiometer und 16 Tasten noch zu erweitern: Man kann auch neue Profile per Tastendruck laden. Dies kann man nutzen, um z.B. Tönung, Sättigung und Luminanz der acht Grundfarben zu steuern, genauso wie beim Loupedeck. Bei mir sind die Profil-Umschalter auf Layer B verortet, außerdem habe ich ein weiteres Profil mit Grau-Reglern für die Schwarz/Weiß-Entwicklung angelegt. Damit kann man jede einzelne Farbe mit den Reglern steuern, wie beim Loupedeck.

Hier mein Preset mit 5 Profilen zum Download

Für die Nutzung der Presets müssen in den Zusatzmodul-Optionen für MIDI2LR weitere Einstellungen bei den Shortcuts und den Profilen gemacht werden. Siehe Screenshots.

Macht es Sinn, Bereichskorrekturen, wie Radialfilter oder Pinsel auf die Tasten zu legen?
Hab ich ausprobiert. Nö, macht keinen Sinn! Für die Filter brauch man sowieso die Maus und hat man die in der Hand, kann man auch mal unter dem Histogramm den jeweiligen Filter ein und ausschalten.

Warum sind manche Tasten in beiden Layern gleich belegt?
Weil man im Gefecht nicht immer sicher ist, in welcher Layer man sich befindet, obwohl dies durch die permanent leuchtende Layer-Taste auf dem X-Touch angezeigt wird. Deshalb ist die bei mir die Links/Rechts-Navigation, der Sprung in die Grid-Übersicht der Bibliothek und auch der immer wichtige Belichtungsregler doppelt belegt. Allerdings habe ich gerade testhalber die Shortcuts „Alles auswählen“ und „Alles abwählen“ auf Layer B über die Tasten „Enter“ und „Bibliothek“ gelegt. Funktioniert dann, wenn ihr die Shortcuts aus dem obigen Screenshot exakt so eingebt. Lasst ihr Tastaturbefehl 15 und 16 weg, funktioniert das Preset so, wie im folgenden Beschriftungs-Sticker gedruckt.

 

Beschriftung

Ist man zufrieden mit der Tastenbelegung und hat sich vielleicht vorher die Einstellungen über kleine Klebezettelchen gemerkt, dann macht eine schicke Tastenbeschriftung Sinn. Man ist ja Ästhet. Auch hier hilft uns Brian Lovelace weiter. Einen Link zu seinem Beschriftungs-Design findet man auch bei obigem Video.

Ich habe diese wirklich gute Photoshop-Datei geladen und nach meinen Bedürfnissen bearbeitet. Unter anderem habe ich die weiße Schrift für Layer A gegen eine rote getauscht. Layer B war schon gelb. Die Wahrnehmungstheorie lässt weiße Elemente gegenüber satt gelben aber verblassen, obwohl es doch die erste und wichtigere Layer ist. Deshalb also Rot.

Hier könnt ihr meine eingedeutschte Version von Brian’s PSD-Datei herunterladen.

Diese entspricht meinen oben angebotenen Presets.

Also: Herunterladen, mit Photoshop nach eigenen Vorstellungen abändern und auf Fotopapier ausdrucken. Ausschneiden, Aufkleben, Fertig!

 

Fazit

Kann man jetzt mit X-Touch genauso Maus-frei arbeiten, wie mit Loupedeck?
Ja, kann man, je nach Situation. Aber spätestens beim genauen Anpassen des Zuschnitts oder zur Nutzung eines Bereichsfilters wird man sie brauchen. Ich arbeite mit dem X-Touch meist links von der Tastatur vor dem zweiten Monitor. Linke Hand am X-Touch, rechte Hand an der Maus oder Tastatur. Für klar strukturierte Sub-Workflows, wie z.B. der Sternchen-Bewertung, macht die zweihändige Bedienung schon mehr Sinn, geht aber auch mit der Tastatur.

Also: Ich habe nun wirklich kein Feature von Loupedeck gefunden, dass man nicht auch mit dem X-Touch mini realisieren könnte. Im Gegenteil, es sind wesentlich mehr Belegungen möglich. Das X-Touch nimmt weniger Platz weg und lässt sich schnell von Position A nach B auf dem Schreibtisch verschieben.

Die Regler drehen satt und die Tasten reagieren prompt. Bei Loupedeck eher nicht…

Die Regler sind in einer Linie angeordnet und lassen sich in einer logischen Reihenfolgebelegen. Bei Loupedeck eher nicht…

Mit ein bisschen Gewöhnungszeit lässt sich der X-Touch blind bedienen. Das Loupedeck eher nicht…

Gibt es einen Geschwindigkeitsvorteil gegenüber der Arbeit mit Maus und Tastatur?
Wer alle Tastenkombinationen Lightrooms perfekt beherrscht, wird auf die X-Touch Tasten vielleicht verzichten können. Die Drehregler rocken dafür aber richtig! Ob Feinjustierung bei der Belichtung oder testhalber einfach mal richtig ordentlich aufgedreht, weil 2 Lichtwerte fehlen. Geht beides ruckzuck. Zu viel des Guten? Einfach auf den Regler drücken und die Einstellung zurücksetzen. Nach den Tonwert-Korrekturen noch schnell eine Vignette aufziehen, ohne dafür in die Tiefen der Entwicklungsleiste scrollen zu müssen? Kein Problem!

Ich habe das X-Touch mini mittlerweile voll in meinen Workflow integriert und möchte es nicht mehr missen! Wenn ihr meine Presets nutzt, hinterlasst mir doch bitte einen Kommentar. Vielleicht habt ihr ja noch interessante Ideen für die Tastenbelegung.


Kommentare (5)

  1. Jochen Bake

    Schöner ausführlicher Erfahrungsbericht. Obwohl ich es noch nicht ausprobiert habe, denke ich, das es nichts für mich ist. Ich bearbeite meine Fotos zwar ein bisschen in Lightroom aber dafür extra ein Teil anstöpseln. Ich bleibe vorerst bei meiner Maus und beobachte weiter den Markt

  2. Patrick

    Danke Jochen. Da hast du Recht. Bei minimaler Bearbeitung lohnt sich das nicht und bei der Bildberichterstattung bin ich mit den out-of-cam JPEGs meiner Nikon oft zufrieden. Aber die Möglichkeiten von Lightroom gehen weit über die Tonwertkorrekturen hinaus. Gerade bei komplexen Presets hilft ein physischer Regler bei der schnellen Anpassung. Meine Motivation war einfach, das nervige Herumscrollen in der Einstellungsleiste durch etwas Direktes und Haptisches zu ersetzen.

  3. Tom

    Hi Niko, danke für die gute Zusammenfassung. Das hat mir sehr geholfen. Wenn man viel mit LR arbeitet, ist das auf jeden Fall intuitiver als mit der Tastatur. Gibt es Midi2LR oder sowas ähnliches eigentlich auch für den Photoshop? Weil – die kommerziellen Lösungen sind auch hier sehr teuer…

    Viele Grüße und Danke,
    Tom

  4. Patrick

    Hallo Tom,
    ich arbeite hauptsächlich mit LR. Nach kurzer Recherche würde ich sagen, es ist kompliziert. Ein leicht zu bedienendes Plugin, wie MIDI2LR existiert wohl nicht. Man müsste die Tasten über die Controller-eigene Software neu belegen und mit den Adobe-Shortcuts verknüpfen. Unwahrscheinlich, dass die Drehregler so funktionieren. Aber vielleicht findest Du noch was. Grüße!

  5. Thomkra

    Hallo Midi2LR-Gemeinde
    Meiner Meinung nach ist die Software nur in einem Punkt derjenigen des Loopdeck unterlegen und das ist das beschneiden von Bildern. Bis jetzt habe ich keine Möglichkeit gefunden während dem Beschnitt das Seitenverhältnis zu fixieren.
    Kennt jemand von euch eine Lösung?


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